Lieber Krebs, ich habe mir gedacht, nun ist es an der Zeit von einander Abschied zu nehmen. Du hast mich begleitet, ob ich wollte oder nicht. Du warst mein saurer Regen, mein Bürgerkrieg im eigenen Körper, mein Sandkorn im Werk. Es ist höchste Eisenbahn, dass ich dich verabschiede. Mit dem, dass du jetzt für immer zu meiner Geschichte gehörst, habe ich mich – so glaube ich es – abgefunden. Dass du für immer in meiner Chronik stehst, unter September 2014. Obwohl du dich ja anfangs gar nicht bemerkbar gemacht hast. Schön langsam bist du in mein Wasser hineingeflossen. Wie Himbeersirup im Glas, das sich schön langsam auflöst und erst nur eine rote Wolke im Wasser ist und im nächsten Moment färbt er alles ein. So bist du für mich gewesen. Erst kam die OP, dann die Chemo, dann die Bestrahlung. Plötzlich ging alles nur mehr um dich, 1,5 Zentimeter Stück schlechtes Fleisch. Falsches Fleisch, dass mich von innen nagte.
Die Hormontherapie läuft noch immer, wie auch die Antikörpertherapie. Aber langsam habe ich das Glas leer getrunken und das nächste werde ich mir selbst nachfüllen. Und kein Himbeersirup mehr, danke. Nein, etwas erfrischendes. Etwas mit Zitrone und Minze. Nur weiß ich nicht, was mir Minze und Zitrone bringen wird. Ich will von dir Abschied nehmen, das weiß ich. Aber ich habe auch Angst. Wie vor einem Stalker, der zurückkehren könnte. Ich fühle, in mir ist ein Tor, zugesperrt, zu dem ich den Schlüssel verloren habe. Der Schlüssel zur vorübergehenden Unsterblichkeit. Oder wenigsten zum Gedanlen daran. Meine Tage sind langweilig, ich habe das Gefühl mit jedem Tag verliere ich mehr von mir. Von meinen Wünschen, von meinen Träumen. Dass ich jetzt ein Stück näher an den Tod gerückt bin und trotzdem sich nichts geändert hat. Dass ich dem Tod vis a vis saß und er mich anlächelte und Ärzte um uns herumfuchtelten und ich zu den Ärzten und den Tod lächelte und ich nicht wusste, wer die Wahrheit sagte. Wer weiß, was für mich gut ist. Nicht einmal ich. Ich weiß es nicht. Noch immer nicht. Und dabei saß ich vor dem Tod und die Ärzte hielten und halten mich noch immer fest. Ich bin traurig, dass du mir mein 27. Jahr versaut hast. Dass du mir schwitzende Rücken geschenkt hast, einen schlechten Blick, eine schmerzende linke Brust, einen schwellenden Arm und einen Nagel am Zeh, den ich in Wien Westbahnhof verloren habe. Nun habe ich keinen Nagel am linken Fuß und dabei habe ich ihn doch lackiert und mir doch neue Sandalen gekauft. Ja, stell dir vor, neue Sandalen und die will ich wenigstens so lange tragen, wie die alten. Acht Jahre. Ich kaufe mir Sandalen für acht Jahre und du sollst das bitte akzeptieren. Mehr habe ich nicht zu sagen. Am besten du kommst nie wieder zurück. Das wäre mir wirklich am liebsten. Und wenn du den Nagel in Wien Westbahnhof finden würdest, behalte ihn als Andenken an das, was du getan hast.
A.
ungarn meets tirol: knödel with fishsoup, pálinka with zirbenschnaps, skiing on paprika powder.
Posts mit dem Label brief werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label brief werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 9. Juli 2015
Dienstag, 2. Dezember 2014
Brief
Immer ist es das gleiche. Mit oder ohne Fasten. Die ersten Tage nach der Chemo geht's gut und dann fällt alles auseinander. Dann sehe ich meinen Körper, wie aus dem All, dann fühle ich meine Nägel, wie angeklebt, dann bleibe ich mit den restlichen Stoppeln im Kissen hängen. Ich bewege meine Beine, meine Arme, aber sie sind immer ungemütlich, unpassend. Sie sind heiß oder kalt, sie sind steif oder zu weich. Meine Augen als ob sie auch von jemand anderem wären. Meine Hände, als ob sie von ganz weit kommen würden, bis ich mit ihnen mein Gesicht, meine Knie, meine Füße anfasse.
Wie der Brief von meiner Tante. Wer schreibt schon Briefe, heute. Seitdem ich Krebs habe, ist das nun der zweite Brief von ihr. Mit richtigen Wörtern, Buchstaben, Unterschrift. Nicht eine Postkarte. Nicht schön oder zierlich. Einfach nur ein Brief. Hat mir gestern der Postmann gegeben. In die Hand. Er hat zweimal geklopft, so stark an der Tür, dass ich aufstehen musste und öffnen. Sonst fällt er noch samt Tür ins Haus. Vier Briefe. Greenpeace, Tilak, Ärzte ohne Grenzen und das von meiner Tante. Sie hat eine schöne Schrift. Sie ist ein bisschen verrückt und deswegen wundert es mich, wie schön und geregelt ihre Schrift ist. Sie zittert auch stark, aber das merkt man an den Buchstaben kaum. Ich habe auch viele Briefe geschrieben, einige habe ich auch bekommen. Vor allem von meiner Schwester. Als es noch kein Internet gab und das Telefonieren teuer war. Die habe ich noch immer. Ich wahre sie in Bonbonschachteln auf, sie sind im Schrank bei meinem Vater. Und wenn ich ab und zu nach Ungarn fahre, mache ich die Schachteln auf und lese die Briefe bis weit nach Mitternacht und bin den nächsten Tag müde.
Ich liege also im Bett mit den vier Briefen. Ich lasse Greenpeace und Ärzte ohne Grenzen einfach auf C.-s Betthälfte liegen und öffne den kleinen, weißen Umschlag. Ein A4-Blatt in Hälfte gefaltet, dann quer drauf losgeschrieben. Kedves A. – Liebe A. mit Diminutiv. Und große, luftige Zeilen, in fünf Minuten ist das ganze gelesen. Ein so großer Aufwand. Briefumschlag besorgen, auf die Post gehen, in der Schlange stehen und in einer Woche bekomme ich die Paar Zeilen. Wir sprechen kaum mit meiner Tante. Sie lebt in Ungarn, in meinem Heimatort und dorthin fahre ich kaum mehr, seitdem die Oma tot ist. Eigentlich ist ja immer alles beim Alten. Nur, dass sie (meine Tante und mein Onkel) auch von Jahr zu Jahr älter werden, weniger oder mehr essen, das Bad renovieren und sich nach ihren Kindern sehnen, die im Ausland oder in einer anderen Stadt leben. Dann sprechen wir ab und zu an meinem Geburtstag.
Meine Tante schreibt über ihre Kinder. Der kurze Brief macht mich zutiefst traurig. Mit meiner Cousine und meinem Cousin habe ich schon seit Jahren nicht gesprochen. Meine Cousine hat lange in Dänemark studiert und lebt nun mit ihrem Freund seit vielen Jahren dort. Sie muss jetzt um die 33 Jahre alt sein. Sie arbeitet in einem Lager und sortiert Ersatzteile (die übrigens in Ungarn hergestellt wurden). Ihr Freund ist "Mädchen für Alles" bei einer Familie, versorgt die kranke Mutter, füttert die Tiere am Bauernhof. Meine Tante schreibt: Sie sind mit ihrem Lohn zufrieden, aber wollen natürlich nicht von hier in die Pension gehen. Scheiße, denke ich mir nur und irgendwie erdrückt mich die ganze Misere. Die vielen Kinder, die mit ihrem Diplom in den Westen gehen, ihre Eltern verlassen und dann doch nicht Fuß fassen können. Es drückt schwer auf meiner Lunge und meinen Augen. Als ob ich diese Misere hätte. Als ob das auch mit mir in jedem Moment passieren könnte. Wusch, der Teppich weg unter meinen Füßen. Eine Krankheit, etwas das dich aus dem Konzept bringt. Das Leben ist ja nur ein Kartenhaus. Ich lege den Brief zu den anderen auf C.-s Betthälfte und denke an die letzte Zeile, die meine Tante geschrieben hat. "Wir haben keine Berge, aber wenn Ihr die Möglichkeit habt, sehen wir euch gerne." Ich bleibe aber liegen und glaube, dass alles zu vergänglich und skurril ist.
Wie der Brief von meiner Tante. Wer schreibt schon Briefe, heute. Seitdem ich Krebs habe, ist das nun der zweite Brief von ihr. Mit richtigen Wörtern, Buchstaben, Unterschrift. Nicht eine Postkarte. Nicht schön oder zierlich. Einfach nur ein Brief. Hat mir gestern der Postmann gegeben. In die Hand. Er hat zweimal geklopft, so stark an der Tür, dass ich aufstehen musste und öffnen. Sonst fällt er noch samt Tür ins Haus. Vier Briefe. Greenpeace, Tilak, Ärzte ohne Grenzen und das von meiner Tante. Sie hat eine schöne Schrift. Sie ist ein bisschen verrückt und deswegen wundert es mich, wie schön und geregelt ihre Schrift ist. Sie zittert auch stark, aber das merkt man an den Buchstaben kaum. Ich habe auch viele Briefe geschrieben, einige habe ich auch bekommen. Vor allem von meiner Schwester. Als es noch kein Internet gab und das Telefonieren teuer war. Die habe ich noch immer. Ich wahre sie in Bonbonschachteln auf, sie sind im Schrank bei meinem Vater. Und wenn ich ab und zu nach Ungarn fahre, mache ich die Schachteln auf und lese die Briefe bis weit nach Mitternacht und bin den nächsten Tag müde.
Ich liege also im Bett mit den vier Briefen. Ich lasse Greenpeace und Ärzte ohne Grenzen einfach auf C.-s Betthälfte liegen und öffne den kleinen, weißen Umschlag. Ein A4-Blatt in Hälfte gefaltet, dann quer drauf losgeschrieben. Kedves A. – Liebe A. mit Diminutiv. Und große, luftige Zeilen, in fünf Minuten ist das ganze gelesen. Ein so großer Aufwand. Briefumschlag besorgen, auf die Post gehen, in der Schlange stehen und in einer Woche bekomme ich die Paar Zeilen. Wir sprechen kaum mit meiner Tante. Sie lebt in Ungarn, in meinem Heimatort und dorthin fahre ich kaum mehr, seitdem die Oma tot ist. Eigentlich ist ja immer alles beim Alten. Nur, dass sie (meine Tante und mein Onkel) auch von Jahr zu Jahr älter werden, weniger oder mehr essen, das Bad renovieren und sich nach ihren Kindern sehnen, die im Ausland oder in einer anderen Stadt leben. Dann sprechen wir ab und zu an meinem Geburtstag.
Meine Tante schreibt über ihre Kinder. Der kurze Brief macht mich zutiefst traurig. Mit meiner Cousine und meinem Cousin habe ich schon seit Jahren nicht gesprochen. Meine Cousine hat lange in Dänemark studiert und lebt nun mit ihrem Freund seit vielen Jahren dort. Sie muss jetzt um die 33 Jahre alt sein. Sie arbeitet in einem Lager und sortiert Ersatzteile (die übrigens in Ungarn hergestellt wurden). Ihr Freund ist "Mädchen für Alles" bei einer Familie, versorgt die kranke Mutter, füttert die Tiere am Bauernhof. Meine Tante schreibt: Sie sind mit ihrem Lohn zufrieden, aber wollen natürlich nicht von hier in die Pension gehen. Scheiße, denke ich mir nur und irgendwie erdrückt mich die ganze Misere. Die vielen Kinder, die mit ihrem Diplom in den Westen gehen, ihre Eltern verlassen und dann doch nicht Fuß fassen können. Es drückt schwer auf meiner Lunge und meinen Augen. Als ob ich diese Misere hätte. Als ob das auch mit mir in jedem Moment passieren könnte. Wusch, der Teppich weg unter meinen Füßen. Eine Krankheit, etwas das dich aus dem Konzept bringt. Das Leben ist ja nur ein Kartenhaus. Ich lege den Brief zu den anderen auf C.-s Betthälfte und denke an die letzte Zeile, die meine Tante geschrieben hat. "Wir haben keine Berge, aber wenn Ihr die Möglichkeit habt, sehen wir euch gerne." Ich bleibe aber liegen und glaube, dass alles zu vergänglich und skurril ist.
Abonnieren
Posts (Atom)
