Langsam ist meine Krebshülle so, wie es aus romantischen "in memoriam XY"-Fotoshootings oder amerikanischen Filmen zu sehen ist. Eine Haut, leer wie nasse Plastiktüte, ein Blick, fiebrig und nichtssagend. Jeden Tag schaue ich in den Spiegel, was hat sich verändert, was ist besser geworden, was schlechter, was anders. Auf meinem Kopf ständig eine Mütze, ein Tuch, irgendwas. Sonst fühle ich mich, wie ein rohes Ei.
Gestern musste ich nicht in den Spiegel schauen. Wem gehört das Bein da im Bett. Es ist meins, dünn, kreppig, Rhinzeroshaut, eine Satellitenaufnahme von einem abgetrocknetem Lavastrom. Es könnte auch jemand anderem gehören. Es könnte auch nur ein Bild sein. Ich kann das Bein lange anschauen und der Besitzer tut mir leid. Dann merke ich erst, dass ich mir selbst leid tue.
Obwohl ich so dünn bin, fühle ich mich, wie eine Kuh - überall stehen mir die Knochen heraus. An der Hüfte, den Knien, den Ellbögen. Wenn ich mit meinen Händen über mein Körper streife, erkenne ich mich nicht wieder.
Von heute auf morgen ist das gegangen. Meine Zähne sind viel zu groß. Als ob sie jemand nicht waagerecht, sondern senkrecht in meinen Mund gesteckt hätte. Oder ein falsches Gebiss, von einem Pferd. Es zerrt an der Nase, zieht das ganze Gesicht auseinander.
Aber Leute sagen, ich hatte noch nie so eine tolle Haut. "Pfu", sagte sogar eine Freundin und wedelte mit ihrer Hand, wie wenn sie etwas ganz heißes angefasst hätte. "Es ist so viel besser', meinte sie anerkennend, weil sie mich noch mit dem Aknefeld gesehen hatte. Und ich falle zwischendurch einfach auseinander.
Jetzt fängt's langsam an. Der Neid über andere. Über ihre Stärke, über ihre Haare, über ihr Lachen, über ihr Appetit. Ich versuche daran zu denken, dass nur noch vier Behandlungen kommen und mein Bild setzt sich auch wieder zusammen.
Als ich die vier Tage gefastet hatte, habe ich ständig Bilder von Essen angeschaut. Habe an Salat gerochen, an Kaffeebohnen und daran gedacht, wenn es mir besser geht, werde ich alles kochen. Und jetzt fühle ich mich unglaublich alt. Sechzig Jahre versetzt. Nichtsbewirkend. Unstark.
So muss es sein, in einem Altersheim, in dem Magazine liegen, der Tag vor sich hertrieft und man sich einen Schweinebraten mit Rotkraut und Apfel wünscht. Aber einen richtig guten, langgeschmort, mit super Kraut und Äpfeln und Semmelknödel. Und selbst kann man ihn einfach nicht mehr machen, weil sich die Hände nicht bewegen, die Füße, die Finger. Jeden einzelnen Schritt hat man im Kopf: Vom Karottenschneiden bis zum Ofen einschalten, sogar den Geruch von gebratenen Fleisch in der Nase. Und am Ende liegt man dann im Bett mit offenen Augen und sieht in eine Ecke, wo eine Spinne sich gerade vom Heizungsschalter langsam abseilt und alles egal ist.
ungarn meets tirol: knödel with fishsoup, pálinka with zirbenschnaps, skiing on paprika powder.
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Montag, 10. November 2014
Rhinozeros
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Dienstag, 28. Oktober 2014
Setzen sie sich
Wenn ich nach dem duschen in den Spiegel sehe, schaut der Krebs zurück. Links, fast unter meiner Achsel ist der Schnitt, nur drei Zentimeter. Trotzdem stört er mich, denn die Narbe ist zu lila, sie sieht nicht schön aus und darunter ist ein fehlt ein Stück aus meiner Brust. Sie haben mir das Fleisch rausgeschnitten. Ich bin dreimal drei Zentimeter kleiner geworden. Es ist kein Selbstmitleid, eher eine Art Wut. Auf den Arzt, das Krankenhaus, dass ich "verunstaltet" wurde. Dass alles so schnell ging. Dabei sagt jeder, ich sollte mich doch freuen. In anderen Ländern wartet man viel länger auf einen OP-Termin. Na gut. Ich freue mich. Die anderen wissen's besser.
Bisher hatte ich keine Angst. Jede Nebenwirkung war mir bekannt: Kotzen, Gelenkschmerzen, Bauchschmerzen, Haarausfall. Irgendwie war ich auch neugierig. Eine Glatze, so etwas würde ich mir nie von selbst trauen. Und wenigstens hängen mir die Haare nicht ins Gesicht, wenn ich kotzen muss. Was bringt so eine Chemo mit sich, das hat mich immer schon interessier.
Direkt danach war ich einfach nur müde, wie jemand der den Tag davor zu lange getanzt hat, zu spät ins Bett ging und um acht Uhr trotzdem in der Arbeit war. Die Fahrräder am Innweg fuhren zu schnell an mir vorbei, meine Füße schleppten sich nur langsam und schwer voran, aber ich bestand drauf, spazieren zu gehen. Denn mich nimmt die Chemo nicht von den Socken. Dann vergingen zwei Tage. Ich war in der Arbeit, ging ins Theater, danach auf eine Party und tanzte bis vier und ging schließlich den Tag darauf 800 Höhenmeter im Stubaital und freute mich, dass es mir so gut geht. So verdammt gut geht. Am Sonntag ging ich noch mit C. in den Flohmarkt, aber da fing es schon an.
Es war wie in den Sommern, in denen ich ständig ohnmächtig geworden bin, mit dem Kopf in Suppen gefallen oder auf die Tischplatte. Weil der Lärm zu viel war, die Hitze und ich nicht genug getrunken habe. Wir gingen nach dem Flohmarkt Pizza essen, dabei war ich eigentlich nicht hungrig, aber die Pizza war gut. Alles war zu schnell, auch was nah war, war eigentlich zu weit, meine Hände schienen nicht mir zu gehören, die Bundesstraße war viel zu laut. Ich konnte nich fokusieren, nicht konzentrieren, ich fing nur einzelne Wörter auf, keine Sätze.
Zuhause legte ich mich hin und stand bis Dienstag gar nicht mehr auf. Gelenkschmerzen, eine ewig trockene Mundhöhle, Kopf- und Halsweh, Kotzegefühl und Durchfall. Am Mittwoch ging es mir wieder so weit, dass ich ein bisschen in die Arbeit ging. Arbeit tut mir gut. Ein bisschen, wenigstens. Danach war mein Magen im Eimer. So bald ich etwas getrunken oder gegessen habe, rannte ich aufs Klo. Dann war mein Magen wieder halbwegs und ich bekam Pickel. Erst nur ein Paar und dann immer mehr. So viele, dass ich mich eine Stunde schminken musste, bis ich mich auf die Straße traute. Dabei immer diese unglaubliche Trockenheit im Mund, wo jedes Essen gleich schmeckt und sich im Mund, im Rachen gleich anfühlt - nämlich wie Sägemehl. Scheiße. Habe ich gedacht. Scheiße wegen den Pickeln, denn die Haut war auf einmal trocken, hat gejuckt und es entstanden Pickel überall. Auf der Kopfhaut, der Brust, einige am Rücken, aber vor allem im Gesicht.
Scheiße. Das wird irgendeine Allergie sein. Ich rief in der Klinik an. "Kommen sie vorbei, der Arzt schaut sich das an". Und ich komme vorbei. Und ich sitze erst eine Stunde, bevor sie mir sagen "das ist in unserer Praxis noch nie vorgekommen, hm-hm, was kann das sein, hm-hm, gehen sie auf die Hautklinik". Super. Hautklinik. "Warum sind sie hier", blöde Tussi an der Rezeption. Kein Hallo, kein "mit was kann ich ihnen behilflich sein", irgendwas nettes, normales. "Nicht weil es mir Spaß macht". Antworte ich, weil mir die Galle im Rachen hochkommt. Sie lächelt "Ich sitze auch nicht aus Spaß hier", meint sie. Ich lächele, dabei ist mir nicht danach. "Setzen sie sich"
Krankenpfleger in Blau: "Und das soll ich jetzt aussprechen?" - ich weiß schon, das bin ich, mein Name, immer das gleiche. Dabei bin ich die einzige Patientin im Warteraum, also könnte er sich das auch sparen. Irgendwann sitz ich endlich im richtigen Warteraum, dort wo hinter der Tür die Hautärztin ist. Eine Stunde lang sitze ich dort. Vor mir nur eine Patientin mit ihrem Begleiter. Sie sprechen über die Jugend "Und den ganzen Weg hat er mit seinem Handy gespielt. Die Mädls auch, ja-ja, aber die haben auch mal mit mir gesprochen, was sie alles in Wien gesehen haben. Man sieht schon, dass der Bub eingeschränkt ist." Der Begleiter antwortet nichts und die Frau mit dem Verband an der rechten Hand spricht weiter. Ich kann mich nicht auf mein Buch konzentrieren. Maglya - ich kenne das Wort nicht auf Deutsch, von Dragoman György. Hat mir meine Freundin geschenkt. Jetzt vor einer Woche. Dabei überkommt mich eine plötzliche Müdigkeit. Die Stühle sind zu klein, ich bin zu müde.
"Frau Cz. kommen sie bitte", kommt die Ärztin zehn Minuten nachdem die Frau mit dem Verband schon gegangen ist. In zehn Minuten bin ich fertig, davon hat sie mich fünf Minuten über mein Buch ausgefragt. Maglya - ich kenne das Wort nicht auf Deutsch, dieses Ding, wo man im Mittelalter die Hexen verbrannt hat. Der Medizinstudent neben ihr sagt "Scheiterhaufen", genau, Scheiterhaufen. Ein ernstes Buch. Ja und nein. Ich könnte eigentlich Stunden über Bücher reden. Wie blöd, dass sie sich mehr für mein Buch als für meine Haut interessiert. Dabei fühle ich, dass meine Haut unter dem Make-Up explodiert. Die Ärztin verschreibt mir zwei Cremes und ich gehe aus der Tür und verstecke mich zuhause. Heute gehe ich nirgends. Ich sitze im neuen Sessel, den wir mit C. im Sperrmüll gefunden haben und denke daran, dass die Pickel schnell weggehen. Eine Glatze und Pickel, das wäre jetzt echt blöd.
Bisher hatte ich keine Angst. Jede Nebenwirkung war mir bekannt: Kotzen, Gelenkschmerzen, Bauchschmerzen, Haarausfall. Irgendwie war ich auch neugierig. Eine Glatze, so etwas würde ich mir nie von selbst trauen. Und wenigstens hängen mir die Haare nicht ins Gesicht, wenn ich kotzen muss. Was bringt so eine Chemo mit sich, das hat mich immer schon interessier.
Direkt danach war ich einfach nur müde, wie jemand der den Tag davor zu lange getanzt hat, zu spät ins Bett ging und um acht Uhr trotzdem in der Arbeit war. Die Fahrräder am Innweg fuhren zu schnell an mir vorbei, meine Füße schleppten sich nur langsam und schwer voran, aber ich bestand drauf, spazieren zu gehen. Denn mich nimmt die Chemo nicht von den Socken. Dann vergingen zwei Tage. Ich war in der Arbeit, ging ins Theater, danach auf eine Party und tanzte bis vier und ging schließlich den Tag darauf 800 Höhenmeter im Stubaital und freute mich, dass es mir so gut geht. So verdammt gut geht. Am Sonntag ging ich noch mit C. in den Flohmarkt, aber da fing es schon an.
Es war wie in den Sommern, in denen ich ständig ohnmächtig geworden bin, mit dem Kopf in Suppen gefallen oder auf die Tischplatte. Weil der Lärm zu viel war, die Hitze und ich nicht genug getrunken habe. Wir gingen nach dem Flohmarkt Pizza essen, dabei war ich eigentlich nicht hungrig, aber die Pizza war gut. Alles war zu schnell, auch was nah war, war eigentlich zu weit, meine Hände schienen nicht mir zu gehören, die Bundesstraße war viel zu laut. Ich konnte nich fokusieren, nicht konzentrieren, ich fing nur einzelne Wörter auf, keine Sätze.
Zuhause legte ich mich hin und stand bis Dienstag gar nicht mehr auf. Gelenkschmerzen, eine ewig trockene Mundhöhle, Kopf- und Halsweh, Kotzegefühl und Durchfall. Am Mittwoch ging es mir wieder so weit, dass ich ein bisschen in die Arbeit ging. Arbeit tut mir gut. Ein bisschen, wenigstens. Danach war mein Magen im Eimer. So bald ich etwas getrunken oder gegessen habe, rannte ich aufs Klo. Dann war mein Magen wieder halbwegs und ich bekam Pickel. Erst nur ein Paar und dann immer mehr. So viele, dass ich mich eine Stunde schminken musste, bis ich mich auf die Straße traute. Dabei immer diese unglaubliche Trockenheit im Mund, wo jedes Essen gleich schmeckt und sich im Mund, im Rachen gleich anfühlt - nämlich wie Sägemehl. Scheiße. Habe ich gedacht. Scheiße wegen den Pickeln, denn die Haut war auf einmal trocken, hat gejuckt und es entstanden Pickel überall. Auf der Kopfhaut, der Brust, einige am Rücken, aber vor allem im Gesicht.
Scheiße. Das wird irgendeine Allergie sein. Ich rief in der Klinik an. "Kommen sie vorbei, der Arzt schaut sich das an". Und ich komme vorbei. Und ich sitze erst eine Stunde, bevor sie mir sagen "das ist in unserer Praxis noch nie vorgekommen, hm-hm, was kann das sein, hm-hm, gehen sie auf die Hautklinik". Super. Hautklinik. "Warum sind sie hier", blöde Tussi an der Rezeption. Kein Hallo, kein "mit was kann ich ihnen behilflich sein", irgendwas nettes, normales. "Nicht weil es mir Spaß macht". Antworte ich, weil mir die Galle im Rachen hochkommt. Sie lächelt "Ich sitze auch nicht aus Spaß hier", meint sie. Ich lächele, dabei ist mir nicht danach. "Setzen sie sich"
Krankenpfleger in Blau: "Und das soll ich jetzt aussprechen?" - ich weiß schon, das bin ich, mein Name, immer das gleiche. Dabei bin ich die einzige Patientin im Warteraum, also könnte er sich das auch sparen. Irgendwann sitz ich endlich im richtigen Warteraum, dort wo hinter der Tür die Hautärztin ist. Eine Stunde lang sitze ich dort. Vor mir nur eine Patientin mit ihrem Begleiter. Sie sprechen über die Jugend "Und den ganzen Weg hat er mit seinem Handy gespielt. Die Mädls auch, ja-ja, aber die haben auch mal mit mir gesprochen, was sie alles in Wien gesehen haben. Man sieht schon, dass der Bub eingeschränkt ist." Der Begleiter antwortet nichts und die Frau mit dem Verband an der rechten Hand spricht weiter. Ich kann mich nicht auf mein Buch konzentrieren. Maglya - ich kenne das Wort nicht auf Deutsch, von Dragoman György. Hat mir meine Freundin geschenkt. Jetzt vor einer Woche. Dabei überkommt mich eine plötzliche Müdigkeit. Die Stühle sind zu klein, ich bin zu müde.
"Frau Cz. kommen sie bitte", kommt die Ärztin zehn Minuten nachdem die Frau mit dem Verband schon gegangen ist. In zehn Minuten bin ich fertig, davon hat sie mich fünf Minuten über mein Buch ausgefragt. Maglya - ich kenne das Wort nicht auf Deutsch, dieses Ding, wo man im Mittelalter die Hexen verbrannt hat. Der Medizinstudent neben ihr sagt "Scheiterhaufen", genau, Scheiterhaufen. Ein ernstes Buch. Ja und nein. Ich könnte eigentlich Stunden über Bücher reden. Wie blöd, dass sie sich mehr für mein Buch als für meine Haut interessiert. Dabei fühle ich, dass meine Haut unter dem Make-Up explodiert. Die Ärztin verschreibt mir zwei Cremes und ich gehe aus der Tür und verstecke mich zuhause. Heute gehe ich nirgends. Ich sitze im neuen Sessel, den wir mit C. im Sperrmüll gefunden haben und denke daran, dass die Pickel schnell weggehen. Eine Glatze und Pickel, das wäre jetzt echt blöd.
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